Kirchenbücher erklärt
Vor den Standesämtern führte die Kirche Buch. Wer in Deutschland weiter als bis 1874 zurück will, kommt an diesen Bänden nicht vorbei.
Ein Kirchenbuch ist das Verzeichnis der Amtshandlungen einer Pfarrei: wer getauft, getraut und bestattet wurde. Über drei Jahrhunderte war es die einzige systematische Erfassung von Lebensdaten in Deutschland — und damit die Grundlage praktisch jeder Ahnenforschung, die vor 1874 hinausreicht.
Wann sie beginnen
Das Konzil von Trient schrieb 1563 für die katholische Kirche die Führung von Tauf- und Trauungsbüchern verbindlich vor. In evangelischen Gebieten begannen einzelne Gemeinden schon ab den 1520er Jahren, verbreitet wurde es im Lauf des 16. Jahrhunderts.
Der praktische Befund sieht anders aus als die Rechtslage: Flächendeckend erhalten sind Kirchenbücher meist erst nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648). Was davor angelegt wurde, ist in weiten Teilen Mitteldeutschlands verbrannt oder verschollen. Für die meisten deutschen Familien liegt die Grenze der Erforschbarkeit deshalb zwischen 1650 und 1700.
Die drei Registerarten
Taufregister
Der wichtigste Eintragstyp. Getauft wurde in der Regel innerhalb weniger Tage nach der Geburt, häufig schon am folgenden Tag — die Kindersterblichkeit war hoch, und ein ungetauft gestorbenes Kind galt als ungerettet. Deshalb unterscheiden sich Geburts- und Taufdatum meist nur um Tage. Ältere Bücher nennen oft nur das Taufdatum.
Ein guter Taufeintrag nennt:
- Tag der Taufe, oft auch der Geburt
- Name des Kindes
- Name und Beruf des Vaters
- Vorname der Mutter, häufig mit Geburtsnamen
- Wohnort innerhalb des Kirchspiels
- Die Paten — meist nahe Verwandte und oft der Schlüssel zur nächsten Generation
Trauregister
Für die Rückwärtsforschung häufig noch ergiebiger als das Taufregister, weil Trauungseinträge die Herkunft nennen: Bei Zugezogenen steht der Heimatort, bei jungen Paaren die Namen beider Väter, oft mit dem Zusatz, ob sie noch leben. Geheiratet wurde in der Regel in der Gemeinde der Braut — wer den Bräutigam sucht und ihn im Ort nicht findet, sollte prüfen, ob die Trauung dort überhaupt der richtige Ansatzpunkt ist.
Sterbe- und Begräbnisregister
Nennen Sterbetag, Begräbnistag, Alter und häufig die Todesursache. Die Altersangabe ist mit Vorsicht zu behandeln: „alt 63 Jahr“ ist oft geschätzt. Als Rückrechnung auf ein Geburtsjahr taugt sie nur als Näherung.
Wo sie heute liegen
Die Originale sind meist in die kirchlichen Zentralarchive gelangt: bei den evangelischen Landeskirchen in die Landeskirchlichen Archive, bei der katholischen Kirche in die Bistums- und Diözesanarchive. Ein Teil liegt weiterhin in den Pfarrämtern.
Digital einsehbar ist inzwischen ein großer Teil:
- Archion — die evangelischen Landeskirchen, kostenpflichtig
- Matricula — katholische Bistümer in Deutschland, Österreich und weiteren Ländern, kostenfrei
- FamilySearch — weltweite Verfilmungen, kostenfrei nach Anmeldung
- Die Digitalisatportale der Staats- und Landesarchive
Die zwei praktischen Hürden
Die Schrift. Bis in die 1940er Jahre wurde deutsche Kurrentschrift verwendet, dazu lateinische Begriffe und Abkürzungen. Wer sie nicht lesen kann, sieht das Dokument, aber nicht die Information.
Das Kirchspiel. Nicht jeder Ort hatte eine eigene Kirche. Viele kleine Dörfer gehörten zur Pfarrei des Nachbarortes, und die Zuordnung änderte sich über die Jahrhunderte. Die Klärung, welches Kirchspiel im fraglichen Jahr zuständig war, steht deshalb am Anfang jeder Kirchenbuchsuche — nicht am Ende.